Ein Anruf kann Leben retten

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Ein Anruf kann Leben retten

TelefonSeelsorge Stuttgart und S-Bahn Stuttgart bringen Hilfe dorthin, wo täglich mehrere Zehntausend Menschen unterwegs sind.
TelefonSeelsorge Stuttgart und S-Bahn Stuttgart bringen Hilfe dorthin, wo täglich mehrere Zehntausend Menschen unterwegs sind.

Die S-Bahn Stuttgart ist das Rückgrat der Alltagsmobilität in unserer Region. An Werk- und Schultagen sind über 350.000 Fahrgäste mit der S-Bahn unterwegs – auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit, zu Arztterminen, zum Einkaufen oder in ihrer Freizeit. Menschen aus allen Lebensbereichen, mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten, Sorgen und Ängsten, die von außen oft nicht sichtbar sind. 

Jede und jeder von uns kann in Situationen geraten, in denen wir nicht mehr weiterwissen. Umso wichtiger ist es, dass es Organisationen gibt, die genau in solchen Momenten unterstützen. Die TelefonSeelsorge Stuttgart hat ein solches Angebot – rund um die Uhr erreichbar, anonym und kostenlos, mit dem Ziel zuzuhören und Orientierung zu geben. Betroffene erleben ihre Lage häufig als ausweglos und finden scheinbar keine andere Lösung mehr. Oft bleiben sie mit ihren Gedanken allein – aus Angst, andere zu belasten, oder weil die passenden Worte fehlen. 

Vor diesem Hintergrund arbeiten die evangelische und die katholische TelefonSeelsorge in Stuttgart und die S-Bahn Stuttgart gemeinsam an der Suizidprävention.  

An ausgewählten Orten im S-Bahn-Netz werden Hinweisschilder angebracht, die die innere Ambivalenz in suizidalen Krisen ansprechen, einen direkten Zugang zu Hilfe eröffnen und zur Kontaktaufnahme ermutigen. Auf den Schildern sind die kostenfreien, anonymen und rund um die Uhr erreichbaren Telefonnummern der Telefonseelsorge angegeben: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Über einen QR-Code gelangen Betroffene zudem zu weiteren Unterstützungsangeboten sowie zur Online-Seelsorge per Chat oder E-Mail. 

Damit das Leben weitergeht 

„Suizidprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, sagt die Leiterin der TelefonSeelsorge Stuttgart e.V., Martina Rudolph-Zeller. Diese Haltung wird auch von der World Health Organization gestützt, die bereits 2014 betonte, dass präventive Interventionen auf vielen Ebenen möglich und wirksam sind. „Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit mit Partnern, die im öffentlichen Raum Verantwortung übernehmen. Deshalb freuen wir uns auf das gemeinsame Projekt mit der S-Bahn Stuttgart“, ergänzt Rudolph-Zeller. 

Mit dem gemeinsamen Engagement der TelefonSeelsorge Stuttgart und der S-Bahn Stuttgart sollen Betroffenen sichtbare Impulse gegeben werden, sich zu öffnen und ins Gespräch zu kommen. Denn Reden hilft – das ist das zentrale Leitmotiv der Telefonseelsorge. Täglich erleben die Mitarbeitenden in ihren Gesprächen, wie entlastend es sein kann, mit Verzweiflung nicht allein zu bleiben: Gedanken auszusprechen, Verständnis und Empathie zu erfahren und dadurch neue Perspektiven und Hoffnung zu gewinnen. 

Suizidprävention ist nicht nur notwendig, sie ist auch möglich und wirksam umsetzbar. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Anteil von Suizidhandlungen impulsiv geschieht und zwischen Entscheidung und Handlung häufig nur ein kurzer Zeitraum liegt (Deisenhammer et al., 2009). Forschung zu sogenannten „Hotspots“ belegt zudem, dass niedrigschwellige Maßnahmen – wie sichtbare Hinweise auf Hilfsangebote – suizidale Handlungen unterbrechen oder verhindern können (Pirkis et al., 2015). 

„Suizidalität ist in den meisten Fällen ein vorübergehender Zustand und keine dauerhafte Entscheidung. Es gibt Wege aus dem Gefühl der Ausweglosigkeit. Wenn wir mit diesem Projekt auch nur einen Menschen in einer akuten Krise erreichen und unterstützen können, ist das bereits ein wichtiger Schritt, um Leben zu retten und Hoffnung zu schenken“, führt der Leiter der katholischen TelefonSeelsorge Bernd Müller weiter aus. 

Ein Suizid betrifft niemals nur eine einzelne Person, sondern 6 Mitmenschen sind bei so einem Ereignis direkt betroffen.  Er hinterlässt tiefe Spuren bei allen, die unmittelbar oder mittelbar mit dem Ereignis konfrontiert sind. Auch der Bahnverkehr und die dort Arbeitenden bleiben von der menschlichen Tragweite nicht ausgenommen. 

„Die S-Bahn ist froh, mit der TelefonSeelsorge Stuttgart einen neuen Partner an ihrer Seite zu haben, der tatkräftig bei der Prävention von Suiziden im regionalen Bahnverkehr unterstützt. Wir sind voller Hochachtung vor der professionellen Leistung, Menschen in seelischen Ausnahmezuständen zu erreichen, ihnen einen einfachen Zugang zur Hilfe zu ermöglichen und kritische Situationen zu entschärfen“, betont Dr. Matthias Glaub, Vorsitzender der Geschäftsleitung der S-Bahn Stuttgart.

Verweise/ Quellen: 

World Health Organization. (2014). Preventing suicide: a global imperative. Geneva: World Health Organization. ISBN 9789241564779. 

Deisenhammer, E. A., Ing, C.-M., Strauss, R., Kemmler, G., Hinterhuber, H., & Weiss, E. M. (2009). The duration of the suicidal process: how much time is left for intervention between consideration and accomplishment of a suicide attempt? Journal of Clinical Psychiatry, 70(1), 19–24. 

Interventions to reduce suicides at suicide hotspots: a systematic review and meta-analysis Jane Pirkis, Lay San Too, Matthew J Spittal, Karolina Krysinska, Jo Robinson, Yee Tak Derek Cheung  

Lancet Psychiatry 2015; 2: 994–1001 Published Online September 23, 2015 http://dx.doi.org/10.1016/ S2215-0366(15)00266-7